Das Folgende soll ein Versuch sein, einem Sehenden nahe zu bringen, wie man als Blinder sich orientiert, seinen Weg findet. Grundlage hierfür sind eigene Erfahrungen - die Erfahrungen eines Späterblindeten, der seinen Lebensraum noch als Sehender erlebt hat.
Der Sehende erfasst seine Umwelt "auf einen Blick". Die räumliche Anordnung von Gebäuden, Straßen, Wegen... und sein eigener Standort werden augenblicklich von ihm erkannt.
Der Blinde muss sich erst "ein Bild von seiner Umgebung schaffen", d.h. er muss eine räumliche Vorstellung von dem, was ihn umgibt, gewinnen. Dazu müssen die verschiedensten Wahrnehmungen und Informationen zusammengefügt werden. Das muss gelernt, trainiert werden.
Orientieren heißt, zu klären: Wo bin ich? Wohin muss ich gehen?
Eine "geistige Landkarte" wird gebraucht. Ohne die Vorstellung für den Raum zu vernachlässigen, muss sich der Blinde auf Orientierungspunkte - "Landmarken" konzentrieren. Das können sein: Änderung des Wegebelages, Blindenampeln, ein Fischgeschäft, eine Toreinfahrt...
Wie ein Sehender, der nach einer Landkarte stückchenweise sein Ziel ansteuert, bewegt sich der Blinde von "Landmarke" zu "Landmarke". Zum Auffinden dieser Orientierungspunkte und zum Festlegen der weiteren Bewegungsrichtung muss er geschickt seine verbliebenen Sinne nutzen.
Als erstes ist das Gehör zu nennen. Es bietet die besten Möglichkeiten, die Umwelt auch weiträumig zu erfassen. Meist lässt sich nicht nur die Art und Richtung eines Geräusches sondern auch seine Entfernung feststellen. Der Schall kann auf verschiedene Weise dem Blinden die Orientierung ermöglichen. So kann eine Schallquelle direkt als "Landmarke" genutzt werden. Möchte ich zum Beispiel mal wieder in meiner Stammkneipe ein Bierchen trinken, so finde ich schnell die Eingangstür, weil ich weiß, rechts von der Tür surrt der Lüfter. Ein ständig unter einem Kanaldeckel rauschender Abwasserkanal kann für mich das Signal sein, hier muss ich die Straße überqueren. Ein allen bekanntes Beispiel für einen "akustischen Leuchtturm" ist das gleichmäßige Klopfgeräusch an einer Blindenampel.
Aber auch Schallreflexionen sind eine große Hilfe. So höre ich das Wartehäuschen des Busses, wenn ich es auf dem Gehweg passiere.
Fehlen Umweltgeräusche und somit Reflexionen, hilft den Blinden das Klicken ihres Langstockes, Schnipsen oder Schnalzen mit der Zunge.
Eine ebenso große Bedeutung für die Orientierung Blinder spielt die taktile Erfassung der Umgebung. Darunter ist nicht nur das direkte Berühren mit den Händen von Gegenständen wie zum Beispiel einer Haustür, eines Gartenzaunes zu verstehen, um herauszufinden, ob wir schon Zuhause sind, sondern auch das Abtasten des Bodens vor sich. Dafür nutzt der Blinde den bereits erwähnten Langstock. Es handelt sich hierbei um einen Stock aus möglichst leichtem, widerstandsfähigem Material (z.B. Kohlefaser, Aluminium). Er sollte so lang sein, dass er vom Fußboden bis an das Brustbein reicht. Zur sicheren Handhabung ist er mit einem Griff versehen. Eine Spitze stellt den direkten Kontakt zum Boden her. Langstöcke werden als feste, Falt- oder Teleskopstöcke angeboten.
Beim Laufen hält der Blinde den Langstock in Hüfthöhe in der Körpermitte. Die Spitze berührt den Boden. Aus dem Handgelenk heraus lässt er ihn in Abhängigkeit von der Schrittfolge nach rechts oder links pendeln.
Durch den Langstock wird der Blinde vor unmittelbaren Hindernissen auf seinem Weg gewarnt. Außerdem gewinnt er wichtige Informationen über die Bodenbeschaffenheit, also die Oberflächenstruktur, das Material. Deutlich kann er beispielsweise Gewegplatten aus Beton vom seitlichen Sandstreifen unterscheiden. So bietet ihm die Grenzkante zwischen beiden Materialien eine sehr gute Möglichkeit der Orientierung. Ein Wechsel des Oberflächenbelages kann den Blinden auch vor Gefahren warnen oder auf bestimmte Dinge, wie den Weg zum Fahrstuhl, hinweisen.
Einige "Landmarken" erfasst der Blinde über seinen Geruchssinn. Der Duft nach frischem Brot ermöglicht die Orientierung - er weiß er befindet sich vor dem Bäcker. Einige Schritte weiter kann er dann nach einem Abbiegen den gewünschten Hauseingang betreten.
Der eigene Körper gibt dem Blinden weitere Informationen, die bei der Orientierung von Nutzen sein können.
So kann die Wärme durch Sonneneinstrahlung auf der Haut Schlussfolgerungen für die Bewegungsrichtung zulassen. Auch bei einer Standortbestimmung kann sie hilfreich sein- bewegt man sich entlang einer hohen schattigen Häuserfront, bei der seitlich durch eine Bebauungslücke Sonnenlicht einfällt.
Vergleichbare Effekte können Windbewegungen bewirken, insbesondere in bebauten Gebieten.
Eine Wahrnehmung über die Sinne darf nicht vergessen werden: das Restsehvermögen. Dieses ist natürlich individuell sehr unterschiedlich. Entsprechend wird der Anteil an der Erfassung der Umwelt sein, wobei schon die Fähigkeit Hell und Dunkel unterscheiden zu können, einen großen Gewinn bedeuten kann.
Hingewiesen sei an dieser Stelle auf technische Orientierungshilfen, die aber nur eine Ergänzung konventioneller Methoden der Orientierung blinder und sehbehinderter Menschen sein können. Auf ein Training in Orientierung und Mobilität kann nicht verzichtet werden.
Derartige technische Orientierungshilfen nutzen die Ultraschall- oder Lasertechnik oder GPS.
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